Berlin Tag 5: Blues-Rock im Quasimodo

Nach einem letzten opulenten und traumhaften Frühstück ging es frisch gestärkt vom Spreewald weiter in Richtung Berlin. Hier verbringe ich noch 2 Tage bis zu meiner Heimreise am Sonntag. Die Fahrt dorthin war – wie immer – entspannend und gemütlich über die Dörfer, aus den Lautsprechern tönten alte Jazz- und Bluesscheiben. Da kann es einem nur ganz hervorragend gehen.

Sich niemals verkleinern …

… lautet eine altbewährte Devise. Will meinen: Man soll sich niemals verschlechtern. Verbessern geht immer aber verschlechtern niemals. Leider lässt sich das nicht immer so steuern. Als ich in meiner Berliner Pension eingecheckt und das Zimmer bezogen hatte, sah ich, wo ich gelandet bin: in einer ca. 7 Quadratmeter großen Minibude mit Dusche und Waschbecken zwar, dafür aber Gemeinschaftstoilette auf dem Flur. Dafür hat das Zimmer andere Vorzüge:

Zum einen ist es – für Berliner Verhältnisse – sehr preisgünstig. Zum anderen liegt es relativ nahe am Quasimodo, jenem Club, in dem ich abends zum Konzert gehe wollte. Und da ich nicht beabsichtige, hier mit meinem ganzen Hab und Gut einzuziehen und auch nicht geplant habe, hier eine Party zu feiern und Walzer zu tanzen (oder wohl eher Lindy Hop), reicht mir das kleine Zimmer aus. Ich will hier schließlich nur schlafen, sofern das in einem quietschenden Bett mit viel zu weicher und durchgelegener Matratze problemfrei möglich ist. Hat einen gewissen Charme à la Bohème …

Die Hackeschen Höfe – Pflichtprogramm bei jedem Berlinbesuch

Ich plante, mich mit lieben Osnabrücker Freunden, die ebenfalls gerade zur Zeit hier verweilen, zu treffen. Treffpunkt sollte der Kiez am Prenzlauer Berg werden. Bis ich mich aber treffen konnte, hatte ich noch etwas Zeit. Zeit genug, um mein Pflichtprogramm, das bei jedem Berlinbesuch ansteht, absolvieren zu können: einen Besuch in den Hackeschen Höfen. Dort gönnte ich mir kühle, alkoholfreie Drinks, was bei der Hitze und drückenden Schwüle  wichtig ist, sowie einen Salat. Natürlich hielt ich die Höfe in einigen Bildern fest, obwohl ich sie schon unzählige Male fotografiert hatte. Diese Höfe haben einen so unbändigen Charme. Sie ziehen nicht umsonst Besucher aus aller Welt an, die sich von den Hinterhöfen, die mit viel Liebe bepflanzt wurden und so kleine grüne Oasen geschaffen haben im Herzen der pulsierenden Großstadt, genauso faszinieren lassen wie ich. Sollte ich Großstadtkind jemals wieder zurückziehen in die Großstadt, wäre dies genau die Art, wie ich leben möchte: Ruhig, grün, Altbau, urig.

Der Kiez am Prenzlauer Berg – der Duft der Großstadt

Es sieht sehr urig aus, das Kultviertel am Prenzlauer Berg. Prächtige Altbauten, ein gelassenes Flair von Sraßencafés … Es hat was. Da ich hier mit einer lieben Freundin verabredet war, ließ ich mich im „Weinberg“, einer ganz zauberhaften kleinen Weinhandlung mit Bar und Straßencafé nieder. Ich konnte ihn wieder ganz in mir aufsaugen, den Geruch, den ich mit meinen ersten Atemzügen eingeatmet hatte und der mich später nie wieder loslassen sollte: den Duft der Großstadt. Als Münchnerin bin ich ein Kind der Großstadt. Ich fühle mich in meiner Wahlheimat Osnabrück sehr wohl und möchte von dort auch nicht mehr unbedingt weg. Dennoch schlummert in mir eine tiefe Sehnsucht nach dem Geruch der Großstadt, die ich hin und wieder befriedigen muss. Es reicht, wenige Tage in einer Großstadt zu verbringen, egal ob München, Hamburg, Köln oder eben Berlin. Ich will diesen ganz speziellen Duft einfach nur einatmen. Wie ein Junkie, der einen Schuss braucht, um eine Weile wieder über die Runden zu kommen, bis die Sucht sich wieder meldet.

Stadtflair alleine reicht nicht aus. Auch Osnabrück ist eine große Stadt mit sehr viel Charme und Flair. Nicht umsonst fühle ich mich dort wohl. Aber Osnabrück ist keine Metropole wie die großen Städte dieser Welt. Eine Großstadt riecht anders, fühlt sich anders an, sie pulsiert und summt unentwegt vor sich hin wie ein Bienenstock, in dem auch bei der Nachtruhe stets ein harmonisches Brummen von dem Volk darin ausgeht. Und die Großstadt riecht anders … Es ist ein Duft, der jenen süchtig macht, der aus der ihr entstammt. Wer diesen Duft nicht bereits als Kleinkind eingeatmet hat, wird es niemals verstehen. Dabei sind die innerstädtischen Nebenviertel wunderschön und voller Charme – so auch der Prenzlauer Berg.

Das Highlight – Jimmy Gee im Quasimodo

Endlich war es soweit, der Abend war da und das Konzert im Quasimodo, einem der renommiertesten Jazz- und Musikclubs in ganz Europa, rückte näher. Ich freute mich darauf, hier vor Ort einen der besten Rock- und Bluesgitarristen live zu erleben, den Deutschland derzeit zu bieten hat: Jimmy Gee und seine Band. Leider hatte ich meine Kamera nicht mitgenommen, da mir nicht bewusst war, dass ich dort hätte fotografieren dürfen. Das Konzert war grandios. Er spielte alte und neuere eigene Stücke und Songs aus seinem brandneuen Album. Dazwischen bot er immer auch Coversongs dar. Sehr schön von ihm auch seine Interpretation von Leonard Cohens „Hallelujah“. Seine Stimme korrespondiert natürlich auch ganz hervorragend mit Jon Bon Jovi, was der Grund dafür sein mag, dass er auf seinen Konzerten gerne Bon Jovi Songs covert. Überhaupt war das ganze Programm sehr vielseitig. Wir bekamen Guitar Blues vom Feinsten geboten, der John Mayall & The Bluesbreakers in nichts nachstand. Wir bekamen aber auch härtere Klänge aus den Kategorien „Hardrock“, „Heavy Rock“, „Progressive Rock“ und sogar eine Covernummer aus dem Bereich „Country Rock“ (Honky Tonk Woman). Ich kam voll und ganz auf meine Kosten. Glücklich und zufrieden ging ich gegen halb drei in mein viel zu unbequemes Bett und sank – trotz allem – in einen erholsamen Schlaf.

Berlin, 24.06.2014                           Sigrun Hopfensperger