Spreewald Tag 1: Anreise

Der Flieger genießt es, in der Luft zu sein. Der Visionär genießt es, sein zukünftiges Leben zu betrachten. Beide schätzen die Reise und die Veränderung. Das Ziel gibt nur die Richtung an, doch der Genuss liegt in der Fortbewegung! Unter Lebenskunst verstehe ich die Kunst, verändernde Strebsamkeit und bewahrende Langsamkeit im Leben zu vereinen. Nur das goldene Mittelmaß bringt die Frucht einer gesunden Entwicklung hervor. (S.H.)

Diese Sentenz verfasste ich einmal vor Jahren. Sie trifft sehr gut, auf welche Weise ich auf Reisen gehe. Ich fahre nicht um anzukommen, sondern um unterwegs zu sein. Demnach ist die Art und Weise des Verreisens ein guter Spiegel für die Art und Weise der eigenen Lebensführung. So ist der heutige Tag geprägt von der Anreise nach Lübbenau im Spreewald.

Stunden unterwegs – ein Wechselbad der Gefühle

In der Regel ziehe ich die Landstraße der Autobahn vor. Ich liebe es, vielseitige und abwechslungsreiche Eindrücke zu gewinnen, kleine Dörfer kennenzulernen und vieles dabei zu entdecken. Auf der Autobahn ist es ein monotones, schnelles Geradeausfahren – viel zu eintönig für meinen Geschmack. Dennoch neigt ein Navigationsgerät – meines zumindest – dazu, mich streckenweise immer über die Autobahn zu schicken. Nun gut, ich folge, wenn auch nur widerwillig. Ich behaupte von mir selbst, einen relativ zügigen Fahrstil zu haben. Nicht zu schnell und nicht zu langsam – angepasst eben. Manchmal jage ich den Tacho bis auf knapp 200 km/h, manchmal schalte ich den Tempomat ein und bleibe rechts konstant bei gepflegten 110 km/h. Das hängt von meiner Lust und Laune ad hoc ab. Ich fahre also entweder ziemlich zügig oder ziemlich gemütlich. Tue ich letzteres, fahre ich selbstverständlich rechts, wie es sich gehört.

So bin ich also auf der Autobahn unterwegs, diesmal mit einer etwas flotteren Attitüde, was durchaus an der belebenden Swingmusik liegen kann, die mir aus dem CD-Player entgegenschallt. Ich fahre auf der mittleren Spur, um einige LKW und langsamere Fahrzeuge auf der rechten Spur zu überholen, da tut es sich vor mir plötzlich auf …

Das Grauen der Autobahn!

Es kommt immer näher, bedrohlich näher … Ich blicke mich um: Auf die rechte Spur wechseln geht nicht, weil ich dann rechts an diesem bedrohlichen Etwas  vorbeiziehen müsste, was die Straßenverkehrsordnung überhaupt nicht goutiert. Links ist besetzt von einem Pulk sich um die Wette rasender Möchtegerns… Ich muss also ausharren, bis dieser Pulk vorbei ist und ich nach links ausweichen kann. Langsamer werden alleine reicht nicht aus, ich muss etwas die Bremse zu Hilfe nehmen, noch bevor ich zügig auf die linke Spur wechseln und ausweichen kann. Endlich gelingt es mir dann, links an dem Grauen vorbeizuziehen, von dem ich bereits eine genaue optische Vorstellung habe, die sich auch bestätigt, als ich einen gestrengen Blick nach rechts hinüber werfe:

Es sitzt genau das hinter dem Steuer, was ich zuvor vermutet hatte: ein kleines, hutzeliges Männlein, die blankpolierte Glatze heroisch bekränzt von einem weißen Ring aus kurzen Haarstoppeln. Auf dem Kopf einen Hut tragend, der nur auf ein Stückchen des blanken Schädels einen Blick gestattet,  aufrecht sitzend, als ob der hauseigene Besenstiel die einzige Mahlzeit des Tages gewesen sei: Ein klassisches Repens in medio penetrans – der gemeine Mittelspurkriecher. Ein ganz gefährliches Tierchen, das einem immer wieder auf den Autobahnen begegnet. Ich ziehe an ihm vorbei und muss mit großer Kraftanstrengung dem Verlangen widerstehen, im Vorbeifahren den Mittelfinger aufzurichten … ich unterlasse diese obszöne Geste. Meine Gedanken sind in diesem Moment schon obszön genug, da bedarf es keiner gestischen Unterstreichung.

Abwechslungsreiche Straßennamen und ein knurrender Magen

Irgendwann komme ich durch Sachsen-Anhalt und gelange von dort aus nach Brandenburg. Inzwischen folgt mein Navigationsgerät wieder meinen Wunschvorgaben, die Autobahn zu umgehen und über die kleinen Dörfer zu fahren. Ich genieße nach wie vor die tolle Musik im Auto, als ein unschönes Geräusch die flotten Rhythmen zu stören droht: mein Magen knurrt. Also beschließe ich, in irgendeinem dieser Dörfer anzuhalten und etwas zu essen. Nun haben die brandenburgischen Dörfer, die ich durchfuhr, vieles gemeinsam: zum einen die Optik. Zum anderen haben alle Lokale in jedem Dorf ihre Pforten geschlossen. Nicht einmal Geschäfte gibt es. Wovon leben die Menschen dort? Dafür zeichnen sie sich durch großen Pragmatismus aus, da in nahezu jedem Dorf die Durchgangsstraße den außergewöhnlichen Namen „Dorfstraße“ trägt. Ich bin jetzt bereits kurz vor meinem Ziel, Lübbenau. Da will das Navigationsgerät noch einmal von mir, dass ich für 6 Kilometer die Autobahn benutze. Das ist insofern ganz gut, weil ich dann dort auf der Raststätte noch eine Kleinigkeit essen kann. Nun dauert es nicht mehr lange und ich komme in Lübbenau in meiner Unterkunft an: Pension  Tannenwinkel. Ich darf mich über ein wirklich großzügiges Zimmer freuen, das mit viel Liebe zum Detail hergerichtet wurde. Selbst eine Regendusche habe ich in meinem Badezimmer, ein Luxus, den manche Hotels ihren Gästen nicht bieten. Diese Pension ist wirklich sehr empfehlenswert, denn hier erwartet einen ein perfektes Preis-Leistungsverhältnis.

Auf Fotoerkundungstour in den Ortskern

Das erste, was ich an einem Urlaubsort mache ist, die Ortschaft zu erkunden, nachdem alles ausgepackt ist. So bewaffne ich mich mit meinem Fotorucksack und ziehe zu Fuß los in Richtung Kahnhafen und Ortskern. Ich will unbedingt noch erste Impressionen festhalten, die ich an dieser Stelle gerne teile, sofern es mit meiner Online-Verbindung funktioniert. Selbst mein mobiler W-LAN-Router möchte hier nicht so richtig …

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Idyllische Beschaulichkeit

So viel kann ich nach den ersten Eindrücken schon sagen: Hier herrscht eine idyllische Beschaulichkeit. Die kleinen, stillen Wasserstraßen, umringt von viel Grün … ich spaziere daran längs  und schaue, wie sich die Häuser der Anwohnenden im Wasser spiegeln. Dabei blicke ich durch die herabhängenden Zweige eines überladenen Baumes auf die stille Szenerie und muss unweigerlich an mein Lieblingsgedicht von Hugo von Hofmannsthal denken:

Besitz

Großer Garten liegt erschlossen,
Weite schweigende Terrassen.
Müßt mich alle Teile kennen,
Jeden Teil genießen lassen!

Schauen auf vom Blumenboden,
Auf zum Himmel durch Gezweige,
Längs dem Bach ins Fremde schreiten!
Niederwandeln sanfte Neige:

Dann, erst dann komm ich zum Weiher,
Der in stiller Mitte spiegelt,
Mir des Gartens ganze Freude
Träumerisch vereint entriegelt.

Aber solchen Vollbesitzes
Tiefe Blicke sind so selten!
Zwischen Finden und Verlieren
Müssen sie als göttlich gelten.

All in einem, Kern und Schale,
Dieses Glück gehört dem Traum …
Tief begreifen und besitzen!
Hat dies wo im Leben Raum? …

(1893)

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Hat dies wo im Leben Raum?

Ja, hier und jetzt in diesem Moment. Wenn wir uns dessen bewusst werden, gelingt es uns, den Vollbesitz dieser Welt und dieses Lebens zu erfassen und zu begreifen. Nur im Hier und Jetzt besitzen wir überhaupt etwas, außerhalb gehört uns nichts.

Lübbenau, 20.06.2016                           Sigrun Hopfensperger

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